Der Kreis schließt sich

Gestern war es so weit: Nachdem – zunächst noch in der Jugendtheateretage – die in den vergangenen drei Workshop-Tagen entstandenen Spiel-Elemente rekapituliert, sortiert und „geputzt“ wurden, um daraus eine Präsentation zu formen, ging es nach zwei Stunden ein Stockwerk höher ins Theater unterm Dach. Dort hatten die Workshop-Leiter*innen mit Unterstützung der Technik einen großen Stuhlkreis mit zwei gegenüberliegenden Video-Leinwänden aufgebaut, in dessen Mitte die Spieler*innen agieren würden. Und das sah dann plötzlich richtig nach Theater aus. Jedenfalls waren die Teilnehmer*innen sichtlich beeindruckt und überrascht, eine derartige Bühne zu bekommen.

Gearbeitet wurde an Struktur, Ablauf und Ausdruck dann buchstäblich bis zur letzten Minute. Dabei waren die neun Spieler*innen im wahrsten Sinne des Wortes unermüdlich. Selbst wenn die Spielleiter*innen schon zum nächsten Element übergehen wollten, wurden sich immer wieder die Bälle mit den entsprechenden Worten zugeworfen, sich gegenseitig korrigiert und ausgeholfen, bis die Abfolge wirklich saß und alle mit im Boot waren. Um kurz nach halb sieben gab es eine knapp 20-minütige Pause, um noch etwas vorbereiteten kleinen Buffet zu essen und zu trinken und kurz durchzuatmen. Und um kurz vor 19 Uhr schwor sich die inzwischen wirklich zum Team zusammen gewachsene Runde ganz profimäßig auf „Showtime“ ein, und dann wurden die Zuschauer*innen eingelassen.

Ein ins Mikrofon gesprochenes „Auf die Plätze, fertig, los“ war de Startschuss: zwei Spieler*innen formten – mehrsprachig angefeuert von der übrigen Runde – in der Mitte so schnell wie möglich mit einem Seil auf dem Boden einen Kreis. Ein „Professor“ verlas die mathematische Definition des Kreises, während die übrigen – sehr unterhaltsam für die Zuschauer – hüpfend, murmelnd und rufend die verschiedenen Bestandteile (Punkte, Mittelpunkt M, Abstand R und Kreisfläche) verkörperten. Die Spielfläche im Seilkreis war dann plötzlich ein Friseursalon. Sehr humorvoll wurde hier über ungewaschene Haare und ruinierte Frisuren lamentiert. Oder wir sahen die Wohnung einer vierköpfigen Familie, die sich mit Alltagssorgen und -konflikten herumschlägt, für die es dann aber eine konstruktive Lösung gibt. Beide Spielszenen hatten die Spieler*innen komplett eigenständig entwickelt.

Während für Rilkes Gedicht „Das Karussell“ auch die Teilnehmerinnen der ersten beiden Workshop-Tage per Videoeinspielung (ihre drei Münder rezitieren den Text) eingebunden waren, drehten sich drei Spieler um den Seilkreis und wiederholten bestimmte zentrale Begriffe in ihrer jeweiligen Muttersprache. Ein eindrückliches Bild für die – zeitweilige – Monotonie und Wiederholung unseres Daseins. Mit Wiederholung und Veränderung spielte dann auch die nächste Sequenz. Auf den im Workshop bereits ausprobierten Instrumenten entwickelte sich live stufenweise ein Klangteppich, der dann wiederum aufgenommen und geloopt den Sound für die nächste Sequenz liefert, die tatsächlich am nachdrücklichsten im Gedächtnis bleibt: Die Spieler*innen sitzen vereinzelt auf dem Boden und malen jeweils um sich herum einen Kreidekreis. Auf ein Signal erheben sich einzelne und wiederholen Alltagsbewegungen wie aufs Handy-schauen, sich Strecken oder Winken. Auf ein weiteres Signal verlassen sie ihre jeweiligen „Inseln“, um sich mit anderen in deren Inseln in neuen Konstellationen zusammen zu finden. Vor dem Hintergrund der Flucht- und Migrationsgeschichten dieser neun jungen Menschen ist das ein starkes und berührendes Bild. Zurück gekehrt zu ihrer eigenen Insel formen sie gemeinsam, indem sie sich von einem zum nächsten Wort für Wort einen Ball zuwerfen, den berühmten Hesse-Satz: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“ Was für ein starker Anfang für eine kreative, neue Art des Zusammenlebens und -spielens. Hoffentlich gibt es irgendwann mehr davon!

Wir danken Alexander Ernst, Astrid Rashed, Johanna Malchow und Roman Shamov für die tolle Arbeit – und natürlich Ahmad, Aliaa, Armin, Firuz, Gheas, Mirwais, Saifullah, Thaaer und Tamanna für ihre Offenheit, ihr Durchhaltevermögen, ihren Witz und ihren Mut!

Und nicht zu vergessen: vielen Dank auch an Daniel und Max, die den ganzen Prozess unermüdlich dokumentiert haben. Wir freuen uns schon sehr auf das Making Of.

Text: Mareile Metzner
Fotos: Lena Leuschner

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