Tag 5: Der Abschluss mit und ohne Worte

Berlin Prenzlauerberg, 16.7.2016

Ich spreche, also bin ich? Dieser Frage stellen wir uns im letzten Workshop mit Astrid Rashed (HOR_Künstlerkollektiv). Was ist Sprache auf der Bühne? Wozu braucht man sie? Wann braucht man sie nicht. Da zwei Teilnehmer des Workshops keine Muttersprachler Deutsch sind, wird die Frage für uns umso relevanter. Nach Übungen aus dem klassischen Sprechtraining für Schauspieler beginnen wir, einen vorgelesenen Text Wort für Wort in Gesten umzusetzen. Steigern lässt sich dies noch dadurch, dass wir in der zweiten Runde den Text nur über Kopfhörer hören und so dem vollkommen unwissenden Publikum vermitteln müssen, was wir hören. Das klappt mal mehr, mal weniger gut, ist aber immer sehr lustig. Zuletzt spielen wir auch noch den arabisch eingesprochenen Text der Nicht-Muttersprachler ein, die sich lustigerweise die arabische Version von Rotkäppchen (dort allerdings: Laila und der Fuchs) als Vorlage ausgesucht haben ein, wobei die deutschverstehenden Teilnehmerinnen dazu Gesten machen müssen. Weiter geht’s mit Ideen zur Stille bei Horvath, mit kleinen szenischen Lesungen und der Frage: was kann alles passieren in der Stille? Dazu widmen wir uns auch noch Peter Handtkes „Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“. Ein Stück, welches ohne Text, nur mit Regieanweisungen auskommt. Wir lesen szenisch und probieren aus, was da alles schon passieren kann- in nur 3 Zeilen ist schon eine ganze Szene versteckt, ohne dass ein Wort gesagt werden muss. Schließlich lesen wir noch einen Text aus Martin Heckmanns „Finnisch“, in dem Dialog und Monolog sich seltsam zu vermischen scheinen. Zur Präsentation gibt es dann vieles zu zeigen und zu erzählen- noch lange nicht alles aber zumindest kleine Schnipsel- sprachlos, ist jedenfalls niemand.

 

„Wir sind Homo Emphaticus“, DS-Kurs Abiturjahrgang des Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Gymnasium
Leitung: Gabi Lehr

„Wir sind Homo Emphaticus“ verkündet der DS-Kurs des Felix-Mendelssohn-Bartholdy Gymnasiums schon im Titel. Eingepfercht in einem merkwürdigen Kokon aus Folie schweben sie hypnotisch durch den Raum. Versuchen sich zu befreien von Dreck, Ärger und vielleicht sogar der Schwerkraft. Hier ist alles klinisch perfekt. Es gibt keine Toiletten, sondern Hygienezentren. Die Empathiewissenschaften sind die neue Religion- Professor Osho ihr Gott. Jeder achtet auf die Ernährung des anderen. Konversation läuft immer (immer!) höflichst und politisch korrekt ab- und entgleist da mal jemand leicht, wir er sofort freundlich aber bestimmt darauf hingewiesen. Das Geschlecht ist Privatsache. Emotionen auch. Wettbewerb wird abgelehnt. Und doch kommen Zweifel auf. Beispielsweise wenn der übermotivierte Aerobiclehrer, in pinken Stulpen über die Bühne hüpfend, leise Kritik anmeldet über die Leistungen seiner Schützlinge. Oder bei der plötzlich auftretenden Hilflosigkeit, als Adam und Eva in zerfledderter post-Abiballverkleidung über die Bühne wanken, saufen, sich streiten, prügeln und wieder vertagen. Es wird gemutmaßt, dass sie zu den „Wilden“ gehörten, jener Spezies, die dereinst noch ihr Unwesen trieben. Da mussten schon Fünfjährige mehrere Sprachen beherrschen, zum Amüsement traf man sich in verrauchten Kellern, um gemeinsam Gift zu konsumieren und alle hatten seltsame Angst davor, anderen Kleintieren als Nahrungsquelle zu dienen. Das geht so nicht. Eine Lösung dieses Problems der Unintegrierbaren muss schleunigst her. Gibt es eine Möglichkeit des moralisch einwandfreien Mords? Zum Glück klärt sich das Ganze dann doch auf und die Gesellschaft der hochemphatischen salbeitofuverschlingenden Biowesen kann sich friedlich wieder ihren Studien widmen. So ein Glück aber auch.

 

Texte: Emilia Schlosser
Fotos: Antje Materna

Tag 4: Von Chören und Elfen

Berlin Prenzlauerberg, 15.07.2016
Workshop: „Der Schwarm“ von Stephan Thiel

Der Schwarm. Ein Chor. Das kann vieles sein. Wir verbringen den Workshop damit, zu erproben, was man mit einem Chor alles so machen kann. Ein Chor aus Gesten, ein Chor aus Geräuschen. Man kann sich gemeinsam, versetzt im Kanon bewegen. Langsam und schnell- aber immer gemeinsam. Wie ein Schwarm. Aber im Schwarm kann man viel mehr, als sich nur zu bewegen Wir wollen versuchen, eine kleine Geschichte zu erzählen. Dazu schreibt jede/r eine kleine Anekdote auf, die er oder sie mal erlebt hat. Wir wählen eine Geschichte aus und suchen Haltungen, Gesten, Momente für Pausen, bis der Text durchgearbeitet ist. Schon folgt die richtige Probe. Alle wuseln auf der Bühne umher und langsam bildet sich eine richtige Chorszene. Da ist ein gelangweilter Schwarm, er gerät in Panik, ist fröhlich, erschrickt, versinkt im Boden, ist erleichtert- und ist nicht nur eine, sondern gleich alle beteiligten Personen gemeinsam. Am Ende steht ein minutiös durchchoreografierter Chor, den man gleich so den BesucherInnen präsentieren kann. Als ein kleiner Theaterschwarm.

 

Sommer.Nacht.Traum, Shakespeare Kids der Shakespeare Company Berlin 
Leitung: Sylke Hannasky / Co-Regie: Dafne-Maria Fiedler, Katharina Ingwersen, Nico Selbach / Kostümbild: Kathrin Schlosser

Nebel auf der Bühne. Ein Schachbrett liegt da und auf ihm ein Knäuel orange-bunter Phantasiewesen. Schwer zu erkennen, wessen Bein hier wem gehört. Dann erwachen sie langsam zum Leben. Klackern, schnalzend, summend. Ein kleiner Schwarm von Waldinsekten. Motte, Wespe, Tausendfüßler, Hummel und viele weitere. Sie wuseln über die Bühne. Als die Waldgeister. Pucks und Elfen aus der Vorlage „ein Sommernachtstraum“ an welchem sie die Shakespeare Kids in diesem Jahr orientiert haben. Schon tauschen Titania und Oberon- hier die zwei Elfenkönig/Innen auf. Titania umschwirrt von einem Schwarm Schmetterlinge, Oberon mit eindrucksvollem Phantasiegehörn auf dem Kopf. Sie streiten. Über alles. Besonders über die Liebe. Verliebte Meerschweine fänden deutlich weniger effektiv Futter als ihre nicht verliebten Artgenossen. Das lässt Titania nicht als Argument gelten, denn Liebe sei Glück und nichts anderes. Nun ja, der Streit wird sich wohl niemals lösen, dafür rufen die Elfen, ihnen zum Spaß die Städter auf die Bühne. In starren, weißen und schwarzen Kleidern kommen sie aufs Schachfeld und dirigiert von den Elfen, die eigentlich viel lieber mitspielen wollen- besonders den Esel- tut sich ein Durcheinander aus Gefühlen auf. Nicht erfüllte Liebe. Unterdrückung. Eifersucht. Die zerrissene Liebe zwischen Hermia und Helena. Der ewige Kampf zwischen Lysander und Demetrius. Und überhaupt ein Kampf der Geschlechter. Mit schönen Wendungen: was passiert eigentlich, wenn man die Szene umdreht, den Lysandertext der Hermia gibt und umgekehrt? Die Insekten kümmert das derweil wenig, sie wollen endlich den Esel spielen. Trotzdem summt die Hummel brav über die Bühne und ertränkt Lysander fast im Liebessaft der Zauberblume. Der Elfenmaulwurf hat mit einem wirklich relevanten Problem zu kämpfen. Er will als sechsthässlichstes Tier der Welt, nicht länger Sternnasenmaulwurf sein. Mit Hilfe der anderen schafft er es schließlich, sich zu verpuppen und kommt als wunderschöne Libelle Grazia wieder zum Vorschein. Der Tausendfüßler hat leider nicht so viel Glück, er wird vom frustrierten Demetrius zertreten. Tausend kleine Geschichten tun sich so auf der Bühne auf. Wohl auf ewig unlösbare und immer wiederkehrende Probleme von Mensch und Tier. Doch hier enden sie im Guten. Die Elfen dürfen endlich den Esel spielen.

 

Texte: Emilia Schlosser
Fotos: Antje Materna

Tag 3: Ein Tag der Improvisation und Choreografie

Berlin-Prenzlauerberg, 14.07.2016
Workshop: „HAPPY or not to be“ von Mareile Metzner

Und schon ist wieder die Hälfte der Zeit rum. Am dritten Tag fand der Workshop „HAPPY or not to be”, angeboten von Schauspielerin und Regisseurin Mareile Metzner zum Thema Musik statt. Wie erarbeitet man eine Szene aus einem Song heraus? Wie kann man das Gefühl, welches eine bestimmte Musik erzeugt, zu einer Szene verarbeiten. Wie können Szenen durch dazu gespielte Musik verändert werden? Das alles sind Fragen, mit denen wir uns beschäftigten. In der ersten Runde, setzte sich jede/r der Teilnehmenden neutral auf die Bühne und dazu wurde ein Song gespielt. So entstand schon eine kleine Szene aus einer Figur, die im Grunde nur durch die hörbare Musik entstand. Dazu assoziierten wir frei, was wir für Ideen dazu hatten. Weiter ging es dann schon mit Improszenen. Eine Musik wurde eingespielt und daraus entstand dann in jedem Moment Überraschendes, Absurdes aber auch Ernstes. Da gab es einen hilflosen Polizisten, zur Schnecke gemacht von einer entschlossenen Großmutter. Eine Endzeitszenerie mit Hund, Katze und Zombies. Die Selbsterfahrungsgruppe, welche von einem japanischen Karate-Kar gestürmt wird. Eine kleine Begegnung mit einem Obdachlosen, oder auch eine Odyssee durch Berlin im viel zu kleinen Auto. Als am Ende der Zeit dann die DS- Gruppe der Ellen-Key-Schule zur Präsentation der Werkschauergebnisse dazu kam, spielten sie spontan beim entwickelten Improspiel mit, in dem ein winziger Dialog aus nur 6 Sätzen, atmosphärisch eingeleitet durch Musik immer vollkommen neue und überraschende Szenen hervorbrachte. Langweilig wurde es jedenfalls nie.

 

„Nachtwind – Ein Balladenprogramm“
Ellen-Key-Schule Friedrichshain, DS-Kurs 1. und 2. Jahr
Spielleitung: Katrin Hannusch-Schmandt und Romy Schreiber

Ballade? Das klingt zunächst ja doch sehr nach traumatischen Stunden in der Schule, in welchen 25 Kinder oder Jugendlliche hintereinander mit verkrampftem Körper und starrem Blick John Maynard aufsagen mussten, ohne eine Aussicht auf Erlösung von der Schmach. Doch diese Erwartungen straft der DS-Kurs der Friedrichshainer Ellen-Key-Schule lügen. Alle schwarz gekleidet, nur die Lippen leuchtend rot geschminkt, springen sie eine Stunde lang, in streng formalen Bildern und exakter Sprache von Ballade zu Ballade. Dabei kommt die Freude am Spiel und am Pathos keineswegs zu kurz, wird aber immer wieder gebrochen durch absurde Momente und altbekannte Melodien, begleitet dazu immer am Klavier. So werden die SpielerInnen mal hämisch, ausgelassen, wahnsinnig, wild und zahm, wispernd und brüllend, ängstlich und aggressiv. Sie springen rasend schnell in Raum und Rollen hin und her, mit minimalen Veränderungen von Requisite und Kostüm. Hier ist weniger immer noch viel mehr. Sie werden von Prinzessin zu Meerjungfrau zu Ritter zu Drache zu Besen zu Soldat zu Vater zu Boot zu Störchen zum Chor zu…es findet kein Ende und ist schon wieder vorbei, wenn man alle zusammen hat. Nach und nach öffnet sich die starke Formalität des Abends in lockeren Momenten. Der Prinz flieht dann doch lieber vor der geretteten Prinzessin- ihr Anblick muss wohl zu enttäuschend sein. John Maynards Steuerrad hat überhaupt nichts gegen ein Feuer- das geschieht dem Steuermann ja recht, wo er dem vernachlässigten Rad schon vor 2 Jahren eine neue Politur versprach. Gegen Ende sitzt da endlich das Kind, das sich eine Geschichte vom Vater wünscht. Denn darum geht es in Balladen, wie auch im Theater ja am Ende. Das Erzählen von Geschichten. Und für alle auf der Bühne: die unbändige Freude daran.

 

Texte: Emilia Schlosser
Fotos: Antje Materna

Tag 2: Von Kängurus und fernen nahgerückten Welten

Workshop: MEIN Känguru und ICH
Leitung: Mirca Preissler (united off productions)

Tag zwei der Werkschau Jugendtheater startet mit dem Workshop „Mein Känguru und ICH!“, angeleitet von Mirca Preißler (united OFF productions). Nach einer kurzen Vorstellungsrunde und einer kleinen Evolution vom Meerestier an, hüpfen wir schon als australische Känguruherde wild durch den Saal. Boxkämpfe werden ausgetragen, Freundschaften auf Zeit geschlossen und alle stopfen sich wild die Beutel voll, bis nichts mehr reinpasst. Überhaupt wird „Und jetzt fühl einen Beutel“ meine liebste Spielanweisung für diesen Tag. Nach Spielen und Improvisation gehen wir zu Texten über. Grundmaterial sind die „Känguru Chroniken“ des Berliner Kleinkünstlers Marc-Uwe Kling, welcher in diesem ersten Teil einer Trilogie von seinem Zusammenleben mit einem aufmüpfigen, kommunistischen Känguru berichtet. Wir sammeln Lieblingsszenen, Zitate und Charaktereigenschaften der beiden Protagonisten. Marc-Uwe wird zum ICH und auch das Känguru darf alles werden. Mit an die Kapitel aus dem Buch angelehnten kurzen Szenenvorschlägen, machen wir uns an die Arbeit, unsere liebsten Szenen zum Leben zu erwecken. Am Ende kommt eine Vielfalt aus kleinen, immer sehr lustigen Erzählungen heraus- das Känguru und ICH versuchen (eher erfolglos) einen Kampf im Dunkelrestaurant auszutragen, erkennen gemeinsam, dass der Kapitalismus nur durch Nichtstun zu zerstören ist oder distanzieren sich freundlich, aber bestimmt von einer aufdringlichen Polizistin. Dabei merken wir, dass es eigentlich oft gar nicht so wichtig ist, ob ein Känguru das spricht oder eine ganz andere Person- es werden sehr eigenen kleine Szenen, die wir am Ende sogar noch einem kleinen Publikum, mit den DarstellerInnen des Abendstücks vorstellen dürfen. Hier wird trotzdem klar, wozu es notwendig war, so lang als Känguru durch den Saal zu hüpfen- auf die Frage „Was ist ein Känguru“ hin, hüpft sofort die erste durch den Raum und die Frage lässt sich ohne weitere Erklärung abhaken.

 

Themenabend „Neu hier?“
„Mutmuskeln“ von „Power für Pankow“ (Leitung: Anahita Izadi und Judith Vöhringer) und Filme aus dem Projekt „Mix It!“

Der Themenabend beginnt mit einer Performance der Gruppe Power für Pankow mit „Mutmuskeln“. Fünf junge Männer und zwei Mädchen, alle mit Fluchthintergrund, erzählen durch Tanz, Körper und mit vielen Sprachen von der Angst und dem Mut, den es immer wieder braucht. Die Angst vor den Fallen und dann wieder dem aufgefangen werden. Von all den Dingen, die so viel Mut brachen. Von der Liebe, davon, eine neue Sprache lernen zu müssen. Angst vor der Sprachlosigkeit. Etwas falsch zu machen, falsch verstanden zu werden, nicht wahrgenommen zu werden. Und letztendlich eben auch von dem Mut, den es braucht, um auf eine Bühne zu treten und einfach zu zeigen, wer man ist. Die Bühne ist Raum, der kaum Wörter braucht um zu erzählen, was der Mut für die DarstellerInnen bedeutet. Sie müssen weder perfekt Deutsch sprechen, noch tanzen können, um sichtbar zu machen, was sie bewegt und dadurch uns bewegt. Es ist die Ehrlichkeit und die Menschlichkeit, die viel zusammenbringt und das wurde an diesem Abend eindrucksvoll gezeigt. Es folgt eine Vorstellung einiger kurzer Filmclips, welcher im Rahmen des Projekts Mix It! entstanden. Mix It! ist eine filmpraktische Initiative der deutschen Filmakademie und des Vereins Bilder bewegen e.V., in welcher Jugendliche mit und ohne Fluchterfahrung in einer Projektwoche gemeinsam kurze Filme entwickelten und erstellten. Einige davon werden gezeigt- alle könnt ihr euch auch zuhause auf dem youtubechannel (Channel: Mix It! Filmpraktisches Projekt mit einheimischen und geflüchteten Jugendlichen) ansehen. Kleine feine Filmarbeiten, die sich immer wieder fragen: bei all den Unterschieden, die immer so viel besprochen werden, was haben wir gemeinsam? Und das ist viel. Die Musik, Essen, Lust am Tanzen, Glauben, der Wunsch nach Freundschaft und- auch wenn nicht alles genau gleich ist, auch immer die Neugier und Freude an Neuem. Am Ende wollen wir uns kennenlernen und verstehen. Dahin scheint ein großer Schritt getan in den gemeinsamen Arbeiten.

Diese Themen werden auch wieder aufgegriffen in der anschließenden Gruppendiskussion. Dabei sind Theaterschaffende- und PädagogInnen, Darsteller und Team der „Mutmuskeln“ und von „Mix It!“, sowie Teile des Teams der Malteser, die vom konkreten Alltag in Flüchtlingsunterkünften berichten können. Es werden viele Fragen erörtert. Wie wichtig ist Kultur und kulturelle Bildung? Was heißt das überhaupt? Geht es hier nicht neben einer Hochkultur auch besonders um Dinge wie z.B. gemeinsames Essen? Warum ist es so schwer, einheimische Jugendliche für Angebote zu begeistern, während geflüchtete Jugendliche sich deutlich interessierter zeigen? Müssen Angebote nicht vielleicht schlicht für junge Menschen, ohne eine Differenzierung von mit oder ohne Fluchthintergrund angeboten werden? Was kann Theater als Vermittler ausrichten? Wen erreicht man damit (nicht)? Nicht alle diese Fragen werden wirklich bis zu Ende geklärt. Aber vielleicht lassen sich gute Antworten auch gar nicht einfach finden. Es ist allen wichtig, dass die Individualität der/des Einzelnen dahinter nicht verschwindet. Eine wirklich richtige Lösung findet sich immer nur zugeschnitten auf eine Person oder Gruppe. Wir gehen ale nach Hause, gefüllt mit neuen Eindrücken und Fragen, die uns hoffentlich noch lange umtreiben werden.

 

Texte: Emilia Schlosser
Fotos: Antje Materna

 

TAG 1: SpielleiterInnen-Workshop und „Wart‘ auf mich“

Berlin-Prenzlauerberg, 12.Juni.2016
Workshop 1: „Ich bin meine eigene Rolle“

Und los geht’s in Runde zwei der Werkschau Jugendtheater. Der erste Workshop „Ich bin meine eigene Rolle“ wird von Marc Lippuner, Regisseur von „portfolio inc“ zum Thema biografisches Theater durchgeführt. Zehn Spielleiterinnen sammeln sich in der Jugentheateretage, bunt gemischt sind Schauspielerinnen, Theaterpädagoginnen, Studierende der Theater- und Erziehungswissenschaften. Nach einer theoretischen Einführung zu biografischem Theater, anhand von früheren Arbeiten des Workshopleiters, beginnen die Übungen. Wild gestikulierend stehen alle im Raum verteilt und versuchen, sich ohne Worte ihren Tagesablauf zu erzählen. Erstaunlich ist am Ende, wie viel sich tatsächlich auch ohne Worte erzählen lässt. Um tiefer in die Arbeit vorzudringen, dreht sich die nächste Übung um die konkrete Text- und Szenenentwicklung. Aus dem Songtext von „Forever Young“ sucht sich jede eine Textzeile aus und formuliert dazu Fragen. Philosophisches, Lustiges berührendes entsteht daraus:

Was wäre, wenn die Liebe einem Unendlichkeit verschafft? Wie lange dauern 3 Minuten?Ist das Alter nicht auch Erlösung? Welche Zukunft können wir erwarten? Was wäre, wenn alle alt werden und du alleine bleibst jung? Wo wirst du immer sitzen, wenn du alt bist?Wenn du ein Popsong wärst, würdest du Beat oder Melodie sein?

In einer zweiten Schreibphase werden nun Fragen der anderen beantwortet, um die Texte mit Spielaufgaben vorzustellen. Da sinniert ein Terrorist über die letzten 3 Minuten vor der Bombenzündung, die ja eigentlich genau reichen, um sich jeden Tag die Zähne zu putzen. Eine 18jährige Youtuberin philosophiert über das Alter, die schönen und die häßlichen Falten, die da kommen werden. Ein Telefonat über die wahre Liebe und Unsterblichkeit endet in Frustration und Miss Sophie kann sich einfach nicht mehr an ihre wichtigsten Gedanken erinnern. Der Rap-Battle über die wichtige Frage, wer nun melody und wer beat sei, verstickt sich derweil in philosophischem Diskurs. Ein Prediger verkündet einschüchternd seine Liebe zum Moment.

Am Ende sind alle beeindruckt, wie viel Material in nur 4 Stunden Workshop zusammenkommt und würden am liebsten noch 2 Tage weiterproben. Stattdessen kommen Besucher und es wird von den letzten Stunden erzählt: Anekdoten und Diskurs, weitere Gedanken werden in die Runde geworfen. Inspiriert und motiviert, weiterzudenken, Fragen zu stellen und neue Formen zu entwickeln verlassen alle die Jugentheateretage fürs erste.

 

„Wart‘ auf mich“ – Szenische Collage des Jugendtheaterclubs
Spielleitung: Nadja Engel

Ein Wald. Ein Zelt. Zusammengeklaubt aus allem, was man noch hat. Die Schaukel, die früher im Garten stand. Jetzt unerreichbar geworden. Das Spiel ist vorbei. Geflogen wird nicht mehr. Fünf junge Frauen, gelandet an einem Nicht-Ort. Ausgesetzt. Verstoßen? Uniformierte Gesichter deren man sich erst entledigen muss, bevor zu Tage treten kann, was man ist. Was man sein will. Was man war? Hätte sein Können. Glück darüber, noch zu existieren. Ohne alles, aber gemeinsam. Im Nichts. Und Erzählungen. Viele Geschichten. Stell dir vor, es wäre Krieg. Wie wäre das? Im eigenen zusammengebrochenen Land. Mit einer Familie, über die Welt verstreut. Wie wäre es, als Geflüchtete in Ägypten? Wie wäre es, wenn alles anders wäre? Wovor laufen wir weg? Würden wir weglaufen? Es ist das große was wäre wenn. Denn es ist nicht da. Wir sind alle sicher und wohlbehütet. Im Theater. In Deutschland. In der Welt. Deutschland ist noch das Land, in dem man zuhause sein darf, für dessen Aufenthalt die wenigsten im Raum ein Visum benötigen.

Einsam auf der Schaukel erzählt das Kind, was es lernen musste. Über Grenzen. Das sie unsichtbar sind und doch immer da. Das am Ende ja doch die Menschen und die Stempel und Zuweisungen Grenze sind. Sie ist nicht greifbar, nicht sichtbar und doch so schmerzhafte Realität für jeden, den sie hindert, dahin zu kommen, wo sie hinwill. Hinmuss. Und was wäre denn nun wenn? Was würdest du mitnehmen, wenn du flüchten müsstest? Was wäre der wichtigste Gegenstand? Ein Stofftier, das Kleid aus der Kindheit, der Löffel des Urgroßvaters. Nichts von Nutzen, nichts von monetärem Wert. Es ist das Zuhause, die eigene Geschichte, was man retten will. Was man nicht verlieren will. Nicht verlieren darf. Was wäre wenn. Sie haben es nicht verloren. Sie sind noch da, wo sie sein wollen. Vorerst darf getanzt werden.

Texte: Emilia Schlosser
Fotos: Antje Materna

Gestartet….

Der erste Workshop läuft! Und zwar sind als erstes die Spielleiter/innen dran. Um 18.30 Uhr gibt es eine kurze Präsentation, bevor es heute abend im Theater unter Dach mit „Wart‘ auf mich“ weiter geht.

Hier aber auch gleich der Hinweis auf morgen:
14.00 bis 18.00 Uhr – Workshop „MEIN Känguru und ICH!“ mit anschließender Präsentation
ab 19.30 Uhr – Themenabend „Neu hier?“ mit Power für Pankow „Mutmuskeln“, Kurzfilme aus dem Projekt „Mix It!“ und einer Podiumsdiskussion mit Lena Grote und Nikan Tiouri aus der Malteser Unterkunft für unbegleitete Minderjährige, sowie Rolf Kemnitzer (Regisseur und Theaterleiter). Außerdem steht die Gruppe „Power für Pankow“ für Fragen zur Verfügung.

Wir stehen in den Startlöchern

Die letzten Vorbereitungen laufen. Morgen, Dienstag, den 12.07.2016  geht’s um 14 Uhr los mit unserem Spielleiter/innen-Workshop „Ich bin meine eigene Rolle“. Für Kurzentschlossene besteht noch die Möglichkeit, sich anzumelden: Schickt eine Mail an g.zorn@kunsthaus-prenzlauerberg.de. Hier könnt ihr übrigens auch Plätze  reservieren für die kostenfreie Abendveranstaltung im Theater unterm Dach:

Jugendtheaterclub

Wart‘ auf mich – Wenn bei uns Krieg wäre? Wohin würdest du gehen?
Szenische Collage des Jugendheaterclubs
mit Jana Auburger, Louise Debatin, Marie Sophie Rautenberg, Carlotta Schilke, Ana Yoffe
Spielleitung: Nadja Engel
Aus gegebenem Anlass und in Zeiten, in denen vor allem Verständnis und Menschlichkeit besonders wichtig sind, wechseln die Spielerinnen des Jugendtheaterclubs ihre Perspektive. Was wäre, wenn wir flüchten müssten? Was käme auf einen zu? Mit welchen Dingen müsste man sich auseinandersetzen und was würde man mitnehmen, wenn man von jetzt auf gleich seine Heimat verlassen müsste?