Nachklapp und letzer Tag

Die Werkschau ist gelaufen. Schön war’s und der letzte Tag bot nicht nur einen ziemlich exklusiven, sondern auch intensiven Spielleiter*innen-Workshop, sowie eine abschließende Vorstellung der Shakespeare-Kids, die mit ihrer Produktion „Romy, Jule, Hamid & ich“ ein echtes Highlight gesetzt haben. Los ging’s mit dem Workshop unter der Leitung von Christine Hofer. Die kleine illustre Teilnehmer*innen-Runde nahm sich eine Szene aus dem Stück „Der Hofmeister“ vor und untersuchte in praktischen Übungen, wie man sich dieser nähern konnte. Dabei ging es sowohl um eine zeitgenössische Herangehensweise, als auch um den Versuch einer Stilisierung durch Maskenspiel. Vor allem die künstlerischen Masken zogen die drei Spielleiter*innen voll in ihren Bann und waren starke Impulse, die mit Sicherheit in die künftige Arbeit mit Schüler*innen und Jugendlichen hinein wirken werden.

Am Abend stand dann der Jugendtheaterclub der Shakespeare Company Berlin auf der Bühne des Theater unterm Dach. Unter der Leitung der beiden Schauspieler*innen und Regisseur*innen Mareile Metzner und Naemi Schmidt-Lauber haben sich die Shakespeare Kids diesmal keinem expliziten Stück gewidmet, sondern sich einen thematischen Schwerpunkt gesetzt – nämlich die Pubertät. Eine Lebensphase mit Chaos in Kopf und Herz, mit Verwirrung und Verirrung, viel Rebellion und Kampf gegen alles und nichts und manchmal auch gegen sich selbst. Und natürlich findet sich all das im Werk von Shakespeare. Nicht nur das seine Protagonist*innen – ob Romeo, Julia oder Hamlet – im besten Pubertätsalter sind, sämtliche Themen und Emotionen tauchen immer wieder in vielen Shakespeareschen Komödien und Tragödien auf. Und so entstand eine spannende Textvorlage, die eine perfekte Balance aus Zitaten und Repliken aus Shakespeares gesammelten Werken und improvisiertem heutigem Alltagsschnack bot. Die 14 Jugendlichen haben sich diese mit Bravour zu eigen gemacht, sie erstaunlich natürlich und direkt in ihr Spiel integriert – ein Genuss den Kids dabei zuzuschauen. In loser Folge wurde das Publikum Zeuge von klassischen Schulhofszenen, in denen es um Verliebtheit, um Erwachsenwerden, um Rausch und Nüchternheit, um Geschlechter und Geschlechterkampf, um Mobbing und Einsamkeit, um Gerüchte und deren Verbreitung, ums Verzweifeln an der Welt und den unbedingten Wunsch nach Anerkennung und Zugehörigkeit ging. Und natürlich auch um Party und Vergnügen. Mit wenigen Mitteln wurde auf der Bühne die Illusion eines Partyraums erzählt, in den die Spieler*innen immer wieder verschwanden und daraus auftauchten, um quasi „vor der Tür“ in kleinen Spielszenen über verpasste Gelegenheiten und unerfüllte Erwartungen zu erzählen. Hier verdichteten sich die Szenen immer mehr und griffen wunderbar ineinander. Das Ganze gipfelte dann in einer Art Epilog, in dem sich all die sehnsuchtvollen, an der Schwelle zum Erwachsenwerden stehenden Mädchen und Jungs mitten auf der Bühne trafen. Beinander saßen, entspannt und leise miteinander schwatzend, während aus dem Off ihre Stimmen zu hören waren. Und wir durften ihre Wünsche an die Welt und das Leben hören. Die Wünsche nach Gerechtigkeit und Frieden, nach einer sauberen Umwelt und nach einem Stückchen Glück. Einfach und schlicht und uns allen aus dem Herzen sprechend.

Und zum Abschluss wollen wir hier auch noch einen Wunsch formulieren: Wir wünschen uns mehr von solchen Produktionen, Projekten, Workshops und Präsentationen – aber wir brauchen euch dabei! Als Spieler*innen, Teilnehmer*innen und als Publikum. Wir brauchen euch auch als Impulsgeber*innen. Wir möchten euch deshalb einladen, euch an der nächsten Werkschau aktiv zu beteiligen. Euch einzubringen und diese mit zu gestalten. Meldet euch und seid dabei! Nach der Werkschau ist vor der Werkschau! Infos unter g.zorn@kunsthaus-prenzlauerberg.de.

Text: Gabriela Zorn
Fotos: Lena Leuschner

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Der Kreis schließt sich

Gestern war es so weit: Nachdem – zunächst noch in der Jugendtheateretage – die in den vergangenen drei Workshop-Tagen entstandenen Spiel-Elemente rekapituliert, sortiert und „geputzt“ wurden, um daraus eine Präsentation zu formen, ging es nach zwei Stunden ein Stockwerk höher ins Theater unterm Dach. Dort hatten die Workshop-Leiter*innen mit Unterstützung der Technik einen großen Stuhlkreis mit zwei gegenüberliegenden Video-Leinwänden aufgebaut, in dessen Mitte die Spieler*innen agieren würden. Und das sah dann plötzlich richtig nach Theater aus. Jedenfalls waren die Teilnehmer*innen sichtlich beeindruckt und überrascht, eine derartige Bühne zu bekommen.

Gearbeitet wurde an Struktur, Ablauf und Ausdruck dann buchstäblich bis zur letzten Minute. Dabei waren die neun Spieler*innen im wahrsten Sinne des Wortes unermüdlich. Selbst wenn die Spielleiter*innen schon zum nächsten Element übergehen wollten, wurden sich immer wieder die Bälle mit den entsprechenden Worten zugeworfen, sich gegenseitig korrigiert und ausgeholfen, bis die Abfolge wirklich saß und alle mit im Boot waren. Um kurz nach halb sieben gab es eine knapp 20-minütige Pause, um noch etwas vorbereiteten kleinen Buffet zu essen und zu trinken und kurz durchzuatmen. Und um kurz vor 19 Uhr schwor sich die inzwischen wirklich zum Team zusammen gewachsene Runde ganz profimäßig auf „Showtime“ ein, und dann wurden die Zuschauer*innen eingelassen.

Ein ins Mikrofon gesprochenes „Auf die Plätze, fertig, los“ war de Startschuss: zwei Spieler*innen formten – mehrsprachig angefeuert von der übrigen Runde – in der Mitte so schnell wie möglich mit einem Seil auf dem Boden einen Kreis. Ein „Professor“ verlas die mathematische Definition des Kreises, während die übrigen – sehr unterhaltsam für die Zuschauer – hüpfend, murmelnd und rufend die verschiedenen Bestandteile (Punkte, Mittelpunkt M, Abstand R und Kreisfläche) verkörperten. Die Spielfläche im Seilkreis war dann plötzlich ein Friseursalon. Sehr humorvoll wurde hier über ungewaschene Haare und ruinierte Frisuren lamentiert. Oder wir sahen die Wohnung einer vierköpfigen Familie, die sich mit Alltagssorgen und -konflikten herumschlägt, für die es dann aber eine konstruktive Lösung gibt. Beide Spielszenen hatten die Spieler*innen komplett eigenständig entwickelt.

Während für Rilkes Gedicht „Das Karussell“ auch die Teilnehmerinnen der ersten beiden Workshop-Tage per Videoeinspielung (ihre drei Münder rezitieren den Text) eingebunden waren, drehten sich drei Spieler um den Seilkreis und wiederholten bestimmte zentrale Begriffe in ihrer jeweiligen Muttersprache. Ein eindrückliches Bild für die – zeitweilige – Monotonie und Wiederholung unseres Daseins. Mit Wiederholung und Veränderung spielte dann auch die nächste Sequenz. Auf den im Workshop bereits ausprobierten Instrumenten entwickelte sich live stufenweise ein Klangteppich, der dann wiederum aufgenommen und geloopt den Sound für die nächste Sequenz liefert, die tatsächlich am nachdrücklichsten im Gedächtnis bleibt: Die Spieler*innen sitzen vereinzelt auf dem Boden und malen jeweils um sich herum einen Kreidekreis. Auf ein Signal erheben sich einzelne und wiederholen Alltagsbewegungen wie aufs Handy-schauen, sich Strecken oder Winken. Auf ein weiteres Signal verlassen sie ihre jeweiligen „Inseln“, um sich mit anderen in deren Inseln in neuen Konstellationen zusammen zu finden. Vor dem Hintergrund der Flucht- und Migrationsgeschichten dieser neun jungen Menschen ist das ein starkes und berührendes Bild. Zurück gekehrt zu ihrer eigenen Insel formen sie gemeinsam, indem sie sich von einem zum nächsten Wort für Wort einen Ball zuwerfen, den berühmten Hesse-Satz: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“ Was für ein starker Anfang für eine kreative, neue Art des Zusammenlebens und -spielens. Hoffentlich gibt es irgendwann mehr davon!

Wir danken Alexander Ernst, Astrid Rashed, Johanna Malchow und Roman Shamov für die tolle Arbeit – und natürlich Ahmad, Aliaa, Armin, Firuz, Gheas, Mirwais, Saifullah, Thaaer und Tamanna für ihre Offenheit, ihr Durchhaltevermögen, ihren Witz und ihren Mut!

Und nicht zu vergessen: vielen Dank auch an Daniel und Max, die den ganzen Prozess unermüdlich dokumentiert haben. Wir freuen uns schon sehr auf das Making Of.

Text: Mareile Metzner
Fotos: Lena Leuschner

Die Mischung macht’s

Wie gesagt: Man muss nur richtig mischen! Am Tag 3 der Werkschau-Woche haben sich erstmalig Roman Shamov und Johanna Malchow als Leitungs-Doppel zusammengefunden, um mit den Workshop-Teilnehmer*innen Körperarbeit, Koordinations- und Konzentrationstraining rund um den Kreis zu machen. Aufgrund des offenbar übermäßigen Veranstaltungsangebots zum Schuljahresende (an vielen Schule ist zudem gerade die heiße Klassenfahrt- und Praktikumsphase) hat sich die Zusammensetzung der Gruppe etwas verschoben: Tatsächlich hatten Shamov und Malchow zunächst nur noch zwei einheimische und zehn Schüler*innen mit Fluchtgeschiche in ihrer Runde, von denen einer aer dafür dann gleich zwei seiner Freunde als Neuzugänge mitgebracht hat. Nach Warm-Up mit Klatschrunde in zwei verschiedene Richtungen gleichzeitig und Übungen zu Raumgefühl und Körperbewusstsein mit körperlichen Improvisationen zu bekannten Situationen und Orten (Volksfest, Flughafen, Bauernhof, Shopping-Mall), ging es ans Arbeiten mit Stöcken. Aufgabe war es zunächst, dass sic hdie Teilnehmenden paarweise zusammen finden und sich die Stöcke mit möglichst fließenden, organischen Bewegungen zuwerfen, ohne sich gegenseitig (oder andere Paare) zu behindern oder gar zu treffen. Das erfordert ein bisschen Übung, mutet dann aber, wenn es gelingt, fast tänzerisch an!

Und dann gab’s U-Ga-Tschak-Ba! Das ist nichts Essbares, sondern ein – erfundenes – Feuer-Entfachungs-Ritual bei dem die Teilnehmer*innen im Kreis um ein imaginäres Lagerfeuer zu eben diesen Lauten eine bestimmte Schrittfolge gemeinsam machen und dabei kontinuierlich lauter werden. Natürlich geht es auch hier um Koordination und um den Mut zur Stimme.

Aufmerksamkeit und Koordination erforderte dann auch die nächste Übung: ein äußerer Kreis aus Teilnehmenden, die mit ihren flachen Händen jeweils einen der Stöcke nur durch den Druck ihrer Hände zwischen sich in der Luft halten müssen (Festhalten ist nicht!), dreht sich um einen inneren Kreis von Teilnehmenden. Nur wenn die Abstände gleichmäßig bleiben, ist gewährleistet, dass die Stöcke nicht herunterfallen. Und wenn dann schließlich noch Sprache und Stimme dazu kommen, wird es echt knifflig. Spaß gemacht hat es aber sichtlich, und es gab schon Nachfragen, ob es in den Sommerferien nicht gleich mit einem Workshop weitergehen kann … Leider nicht, denn auch die Jugendtheateretage braucht mal eine Pause!

Film on Stage stand dann ab 19 Uhr auf dem Programm. Die Kurzfilm-Collage aus dem integrativen Projekt „Mix It!“ der Deutschen Filmakademie und bilderbewegen e.V. zeigt die Ergebnisse zweier Projektwochen, mit über 60 Jugendlichen mit und ohne Fluchtgeschichte aus dem Bezirk Pankow von 2016 und 2017, sowie weitere Kurzfilme, der aus dieser Arbeit hervorgegangenen Mix It!-Redaktion. Inszwischen gibt es dieses spannende Projekt auch in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Das Tolle ist: die Filme sind nicht nur gut gemeint, sondern einfach wirklich gut – witzig, berührend, schräg, poetisch, überraschend und vielfältig, genau wie die Menschen eben, die daran beteiligt sind! Wer gestern nicht dabei sein konnte, der kann sich hier selbst davon überzeugen: https://www.youtube.com/mixitfilmprojekt. Natürlich gab es im Anschluss wieder ein anregendes Publikumsgespräch – und zu guter Letzt spielte auf der Bühne des Theater unterm Dach Musik die Hauptrolle: „Limbus“, die vierköpfige Combo (Gitarre, Bass, Schlagzeug, Vocals) macht Gute-Laune-Musik, eigene Songs, ein bisschen 90er-Grunge mit poppigen und jazzigen Einschlägen. Zwar war die Runde an diesem schwülen Sommerabend eher überschaubar, aber schön war es trotzdem – Danke dafür!


Text: Mareile Metzner
Fotos: Lena Leuschner

Die richtige Mischung und eine wichtige Message: Werde wer du bist!

Kekse, Avocado, Haferflocken und Käse passen hervorragend zueinander, man muss nur richtig mischen! Das hat die gestern auf 18 Teilnehmer*innen angewachsene Gruppe (diesmal unter der Leitung von Astrid Rashed und Alexander Ernst) demonstriert: Vier verschiedene Kleingruppen sprechen, rufen oder flüstern in einem bestimmten Rhythmus ihren jeweiligen Begriff – Kekse-Kekse-Kekse-Kekse etwa entspricht A-vo-ca-do-, und wenn alle zusammenkommen, ist der Beat schon beinahe tanzbar!

Überhaupt stand Tag 2 überwiegend im Zeichen des Sounds, des Experimentierens mit Klängen und Worten. Spielerische Warm-Ups halfen vorher letzte Hemmungen und etwaige Berührungsängste mit Spaß zu überwinden: die im Kreis auf den eigenen Fersen sitzende Runde sollte zum Beispiel die Hände vor sich auf den Boden legen, wobei sich die jeweilige eigene Hand mit der jeweiligen Nachbar-Hand kreuzt. Jetzt musste – in der richtigen Reihenfolge der nebeneinander liegenden Hände – möglichst kontinuierlich Hand für Hand auf den Boden geklatscht und der Rhythmus reihum geschickt werden. Spätestens wenn dann durch einen Doppelklatscher ein Richtungswechsel eingeleitet wird, ist die Verwirrung „wem gehört welche Hand und wann ist wer dran?“ erst einmal komplett. Zudem werden „Fehler-Hände“ aus der Runde genommen, so dass die Abfolge sich ständig verändert – und trotzdem schnurrt es irgendwann. Bei der nächsten Party unbedingt nachmachen!

Mit dem aus dem Gedicht „Stufen“ stammenden berühmten Hermann Hesse-Satz „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben“ ging es ans Mikrofon und Loop-Gerät. Die einzelnen Worte wurden auf dei Teilnehmenden verteilt und in der Runde hintereinander aufgenommen, übereinander gelegt und zusätzlich um die Kern-Worte auf verschiedenen anderen Sprachen (etwa Arabisch, Farsi, Kurdisch, Serbokroatisch, Englisch, Spanisch) ergänzt, während parallel eine andere sechsköpfige Kleingruppe an einer performativen, multi-medialen, ebenfalls mehrsprachigen Umsetzung von Rilkes Gedicht „Das Karusell“ arbeitete. Ein weiterer Soundtrack entstand durch eine „Lautmalerei“ aus Rasseln, Lotos- und Panflöten, Mundharmonika, Cachon, Glockenspiel, Tambourin etc.

Und was es mit der echten Malerei aus unterschiedlich großen Kreide-Kreisen auf dem Bühnenboden auf sich hat, wird hier noch nicht verraten – dazu müsst Ihr Euch am Freitag Abend um 19 Uhr die Workshop-Präsentation im Theater unterm Dach anschauen! Nur so viel: Material dafür geliefert hat dieser kreative Tag 2 zur Genüge!

Zu manchen Theatererlebnissen kann man gar nicht viel sagen außer: Toll, dass sich das miterleben durfte!
Wie Sylke Hannasky mit ihrer Theateradaption „geht man im traum durch eine wand?“ nach Motiven des Films „Before I Fall“ ihre vier großartigen 15- bis 17jährigen Spielerinnen auf eine theatralische Reise durch die psychischen Untiefen des Erwachsenwerdens schickt, ist großes Kino – oder nein: großes Theater!

Entstanden ist diese berührende, poetische, aber auch extrem lustvolle Umsetzung im Rahmen der Theaterwerkstatt der Jugendtheateretage 2017 „Film kommt zum Theater“ im vergangenen Herbst und wurde jetzt – glücklicherweise! – nach einer 7-monatigen Spielpause eigens für die Werkschau Jugendtheater noch einmal wiederaufgenommen. Dabei konzentriert sich die Inszenierung ausschließlich auf die Mädchen-Clique um die Hauptfigur Sam und deren Mobbing-Opfer Juliet. Sämtliche anderen Figuren der Filmvorlage bleiben außen vor, selbst die etwas verkorkste Liebesgeschichte zwischen Sam und ihrem Freund wird nur in wenigen Anspielungen angedeutet.

Tatsächlich erlebt Sam, die hier in wechselnder Besetzung von allen vier Spielerinnen verkörpert wird, den Tage ihres Todes (sie stirbt bei einem Autounfall) immer wieder neu – und immer wieder hat sie die Möglichkeit, andere Lebensentscheidungen zu fällen. Unter der Vorgabe „Werde wer du bist!“ – ein zunächst als Valentinskarten-Spruch eingeführtes Lebensmotto – erlebt Sam nach und nach ihre Menschwerdung als empathisches, mitfühlendes Wesen. Und obwohl sich die Inszenierung um das unabwendbare Thema Sterben rankt, ist sie unfassbar lebendig und lebensbejahend – und das auf einem für eine Schüler*innen-Produktion geradezu unglaublichem Niveau. In einem ebenso einfachen wie starken Bühnenbild bewegen sich die vier Akteurinnen mit traumwandlerischer Sicherheit und Grandezza: eine schemenhaft durchsichtige auf ein Metallgerüst gespannte Plastikfolie dient als „Zeitfenster“ im Hintergrund, während die Spielerinnen davor vier schwarze Holzkisten zu unterschiedlichen Konstruktionen zusammenfügen und auch akustisch nutzen. Begrenzt wird die Bühne rechts und links durch eine Reihe roter Plastikbecher voller roter Rosenblütenblätter, die immer wieder verstreut werden und als rote Farbkleckse am Ende große Teile des schwarzen Bühnenbodens bedecken – ebenso schön wie symbolträchtig. Der tolle Soundtrack aus Song-Fragmenten, einem wiederkehrenden musikalischen Grundmotiv und den Lebenssinn befragenden Stimmen der Spielerinnen verdichtet den Abend zu einem beeindruckenden Gesamtkunstwerk. Chapeau!

Wer so etwas auch einmal miterleben will, der sollte sich unbedingt eintragen für die Theaterwerkstatt 2018 im kommenden Herbst! Wir jedenfalls wollen mehr davon!

Text: Mareile Metzner
Fotos: Lena Leuschner

Eine runde Lösung und der Wunsch nach Wissen und Bildung für alle

Wo sind wir, wenn sich alles um das Runde dreht? Richtig – bei der Werkschau Jugendtheater Volume N°4!

Der erste spannende Tag ist vorbei und der zweite hat gerade begonnen: Die vier Workshop-Leiter Astrid Rashed, Roman Shamov, Alexander Ernst und Johanna Malchow haben kurzerhand ihr Thema zum Prinzip gemacht und für eine kleine Termin-Verwirrung eine großartige, runde und kreative Lösung gefunden. Ihre jeweiligen Workshops „Die Quadratur de Kreises“ (Rashed & Shamov / HOR-Künstlerkollektiv) und „Der Klang des Kreises“ (Ernst & Malchow) sind nun an den losen Enden miteinander verbunden, und der Kreis schließt sich: Die Vier bestreiten beide Workshops in wechselnden Zweier-Konstellationen jetzt gemeinsam! Am Freitag Abend gehen sie dann alle mit den Teilnehmenden zusammen auf die Bühne des Theaters unterm Dach und präsentieren ihr Ergebnis.

Gestern begonnen haben Rashed und Shamov mit einer gutgelaunten 15-köpfigen Runde aus geflüchteten und einheimischen Schüler*innen (oder solchen, die ihre Schullaufbahn gerade beendet haben). Im Kreis – das versteht sich von selbst – wurden bis zu drei Bälle hin und her geworfen, dabei die neuen Namen gerufen, Assoziationsketten zu den Begriffen „Wald“ oder „Berlin“ auf die Rundreise geschickt oder aber zu einem gemeinsamen Rhythmus – auf den sich die klatschende Runde unabgesprochen verständigen musste – von einzelnen ein weiterer Rhythmus improvisiert. Auch mit ersten Textbausteinen wurde schon experimentiert. Wir sind sehr neugierig, wie es heute mit Astrid Rashed und Alexander Ernst weitergeht, wenn über Loop-Gerät und akustische Verstärkung ein Soundtrack für die erarbeiteten Spielszenen und Bilder entstehen soll.

Die Inszenierung „Der Hofmeister oder die Vorteile der Privaterziehung“ von Jakob M.R. Lenz des DS-Kurse 12 der Kurt Schwitters Oberschule, unter der Spielleitung von Jacqueline Mielke und mit Unterstützung der Regisseurin Christine Hofer, endet mit dem Satz „Wir wollen lernen!“. Im Anschluss entspann sich mit den Schüler*innen ein reges Publikumsgespräch über Bildung, Erziehung und politisches Bewusstsein. Zwar ist die Auswahl des Stoffes zunächst dem Rahmenlehrplan Deutsch für die 12. Klasse geschuldet – „Sturm und Drang“ steht da auf dem Programm – aber diese Inszenierung findet spannende Parallelen zu einer derzeitigen Entwicklung: tatsächlich hängt eine geistige Förderung und schulischer Erfolg zunehmend vom Geldbeutel und der Eigeninitiative im jeweiligen Elternhaus ab und private Beschulungs-Modelle nehmen nachweislich immer weiter zu.

Durch ein lebendiges Rotations-Prinzip, bei dem die Männer vielfach von Frauen oder umgekehrt gespielt werden und (fast) alle Rollen mehrfach besetzt sind, umschifft die Inszenierung geschickt und humorvoll die antiquierten Geschlechterrollen und besinnt sich auf das Wesentliche: die Frage nach der bestmöglichen und gerechtesten Bildungsform und Chancengleichheit. Denn „würde es Hauslehrer gar nicht geben, legten die feinen Herren ihr Geld in Schulen an!“. Kleine eingefügte Seitenhiebe auf Berliner Miseren fehlen natürlich nicht: „Wieso bröckelt in der Schule der Putz von der Decke?“, aber auch der Original-Autor bringt schon so manche immer noch aktuelle Binsenweisheit auf den Punkt, in dem er seine Hauptfigur sagen lässt: „Ach, wieso! Eine Zusammenfassung reicht doch aus!“

Das gilt natürlich keinesfalls für die Werkschau-Woche. Wir empfehlen: Hingehen und selber Schauen! Und freuen uns schon auf heute Abend.

Text: Mareile Metzner
Fotos: Lena Leuschner

Der Countdown läuft

Nur noch einmal schlafen, dann ist es soweit. Und damit ihr wisst, was so alles auf euch zukommt, gibt es hier eine Info zu den einzelnen Stücken:

Dienstag, 26.06.2018, 19 Uhr, Theater unterm Dach
„Der Hofmeister oder die Vorteile der Privaterziehung“ von Jakob M.R.Lenz
Kurt Schwitters Oberschule, DS-Kurs 12

Spielleitung: Jacqueline Mielke, Unterstützung: Christine Hofer
Bildung muss frei und für alle zugänglich sein, sonst spaltet sie die Gesellschaft. Könnte aus einer aktuellen Wahlkampfrede stammen. Hat aber tatsächlich Jakob M.R. Lenz schon 1774 gesagt. 244 Jahre später haben sich über 20 Schüler*innen aus der Kurt Schwitters Schule die tragische Komödie „Der Hofmeister“ vorgenommen und ihre ganz eigene Interpretation entwickelt. Da geht es um die sogenannte „feine“ Gesellschaft und um die, die sich keinen Mantel leisten können. Da wird geliebt und verlassen. Und Platz gelassen, für Meinungen und Gedanken der Zuschauer.
Wer sich schon mal vorbereiten möchte, schaut gerne hier: Der Hofmeister to go (Sommers Weltliteratur to go).
Die Fassung der Schwitters-Gruppe hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit und basiert auf einer Strichfassung. Eine große Unterstützung bot die Regisseurin Christine Hofer. Ab nächster Spielzeit wird sie Schauspieldirektorin am Jungen Theater Eisenach, aber vorher gibt sie bei uns am Samstag noch einen Spielleiter*innen-Workshop – das lohnt sich dabei zu sein! Anmeldungen werden noch entgegen genommen.

Mittwoch, 27.06.2018, 19 Uhr, Theater unterm Dach
geht man im traum durch eine wand?
nach Motiven des Films „Before I Fall“

Spielleitung: Sylke Hannasky
entstanden in der Theaterwerkstatt der Jugendtheateretage 2017 „Film kommt zum Theater“

Eine Idee, die schon viele Menschen beschäftigt und viel Stoff für einige Filme geliefert hat. Ein und denselben Tag immer wieder erleben. In diesem Fall ist es tatsächlich der letzte Tag im Leben der vier Protagonist*innen. Die Gruppe rund um Sylke Hannasky bringt den Film „Before I Fall“ auf spannende und kongeniale Weise auf die Bühne. Eine tolle Adaption, die berührt und mitnimmt. Im Herbst wird es wieder eine Theaterwerkstatt in der Jugendtheateretage geben. Wer Interesse hat, kann sich gerne schon melden.

Donnerstag, 28.06.2018, 19 Uhr, Theater unterm Dach
Film on Stage
Kurzfilmprogramm mit Filmen aus dem integrativen Projekt „Mix It!“ der Deutschen Filmakademie und bilderbewegen e.V.

Im letzten Jahr wurde die Reihe Film on Stage begonnen und hat zwei junge Filmemacher*innen in den Mittelpunkt gestellt. Diesmal sind es über 60. Keine Sorge, das wird kein Marathon-Programm, aber vielleicht eine lange Nacht, denn wir feiern schon mal – die Hälfte der Werkschau-Abende, die tollen Filme und das Leben – mit der Band Limbus, die im Anschluss an die Filmpräsentation coole Musik machen wird.
Die Filme sind im Rahmen des Projekts „Mix It!“ mit Jugendlichen mit und ohne Fluchtgeschichte aus Pankow und anderen Bezirken auf dem Areal des Ernst-Thälmann-Parks entstanden. Wer möchte kann hier schon mal einen Blick auf den Output des Projekts, welches aktuell neben Berlin auch in Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern unterwegs ist, werfen.
Limbus spielt ab etwa 20.30 Uhr.

Freitag, 29.06.2018, 19 Uhr, Theater unterm Dach
Workshopergebnisse

Hier kann man nur sagen: Lasst euch überraschen! Die Teilnehmer*innen und Leiter*innen aus den beiden Workshopeinheiten, die Dienstag bis Freitag, jeweils von 14 bis 18.30 Uhr in der Jugendtheateretage stattfinden kommen auf die große Bühne. Wir werden eine Performance zum Thema Kreis sehen und sind selbst megagespannt. Lasst euch das nicht entgehen.

Samstag, 30.06.2018, 19 Uhr, Theater unterm Dach
Romy, Jule, Hamid & ich
Shakespeare Kids (Jugendclub der Shakespeare Company Berlin)

Spielleitung: Mareile Metzner & Naemi Schmidt-Lauber
Die Pubertät ist einfach eine schrecklich/schöne Zeit. Das war auch schon zu Shakespeares Zeiten so. Glaubt ihr nicht? Dann solltet ihr euch unbedingt die neue Produktion der Shakespeare Kids anschauen. Die haben nämlich tief im Werk des großen Dichters gegraben und einige Stellen gefunden, die Romy oder Jule oder Hamid oder du oder ich auch heute noch zu ihren Eltern oder Lehrer*innen oder Freund*innen sagen würden. Auf jeden Fall hat das Ganze hohen Wiedererkennungs- und vor allem Unterhaltungswert.

Auf in die vierte Runde

Es geht wieder los! Von Dienstag, den 26.06. bis Samstag, den 30.06. findet wieder unsere Werkschau Jugendtheater statt. Theater, Film und Performances satt – sowohl auf der Bühne, als auch im Rahmen von Workshops. Seid dabei! Es lohnt sich auf jeden Fall schon mal einen Blick in unseren Flyer zu werfen. Und wir möchten euch jetzt schon mal unser Workshopangebot ans Herz legen, zu dem man sich ab sofort und bis zum 20. Juni unter g.zorn@kunsthaus-prenzlauerberg.de anmelden kann.

Faltposter Werkschau Jugendtheater Volume N°4_Vorderseite

Faltposter Werkschau Jugendtheater Volume N°4_Textteil

Workshop 1 – Theater/Performance/Text
Die Quadratur des Kreises
Leitung: Astrid Rashed und Roman Shamov (HOR-Künstlerkollektiv, http://www.horberlin.tumblr.com)
Dienstag, 26.06. bis Mittwoch, 27.06. jeweils von 14.00 Uhr bis 18.30 Uhr
In diesem Theaterworkshop ist der Kreis Thema, Forschungsobjekt, Experiment und Spielball. Er ist Menge aller Punkte auf einer Ebene, deren Abstand von einem vorgegebenen Punkt dieser Ebene konstant ist. Der Kreis des Lebens, Werden und Vergehen. Hula Hoop und Ringelrein: Die Workshopteilnehmer*innen werden gebeten Lieblingstexte,-songs oder -fotos mit zu bringen.
Gearbeitet wird mit Stimme, Rhythmus, Körper und Improvisation. Unter Anleitung der beiden Theaterprofis werden collagenhaft verschiedene Texte zum Thema kombiniert und ggf. mit Video und Schattenspiel ergänzt.

Workshop 2 – Musik/Performance/Text
Der Klang des Kreises
Leitung: Alexander Ernst (www.don-ernesto.com) und Johanna Malchow (www.johannamalchow.de)
Donnerstag, 28.06. und Freitag, 29.06., jeweils von 14.00 bis 18.30 Uhr
Ein Kreis in der Musik? Was soll das sein?
Kreis meint auch, wieder beim Ursprung ankommen, neuer Versuch, es läuft rund…
Kreis, Schleife, Loop. In diesem Workshop wird mit einer Loop-Station gearbeitet und die technischen und ästhetischen Möglichkeiten ausgetestet. Kommunikation mit sich selbst, Überlagerungen von Sounds, das Spiel mit dem Zufall: wann beginnt die Schleife, die Reproduktion von vorn?
Die Idee ist, die Schnittstelle zwischen technischer Wiederholung und individuellem Live-Spiel auszuloten. Bekommen Texte eine zweite Ebene, wenn wir einzelne Wörter/Passagen loopen? Entsteht so der Soundtrack zur Spielszene? Oder gar komplexe Klangstrukturen?
Gerne können eigene Instrument und Stücke mitgebracht werden. Musik machen kann man aber auch mit den Füßen, den Händen, dem Mund…

Workshop 3 für Spielleiter*innen
Alles neu – alles anders
Leitung: Christine Hofer
Samstag, 30.06., 14.00 bis 18.30 Uhr
Jede Geschichte kann auf tausend Weisen erzählt werden. Als Regisseur*in oder Spielleiter*in muss ich mich entscheiden und eine Spielweise für mein Ensemble und das intendierte Theaterstück wählen. Ob ich ein Stück komödiantisch, mit Masken oder anderen theatralen Mitteln inszeniere, hat immer Einfluss auf das Ergebnis. Wie aber schaffe ich es, in einer Probe die Spieler*innen zu diesen verschiedenen Spielweisen anzuleiten und dafür zu begeistern?
Aus dem Theaterstück “Der Hofmeister“ wird in diesem Workshop eine Szene ausgewählt, die zuerst auf authentische Art und danach auf eine sehr körperliche Weise durch die Einbeziehung von traditionellem Maskenspiel inszeniert wird. Beide Möglichkeiten sind sehr unterschiedlich und regen Fantasie und Kreativität im Theaterspiel an. Während des authentischen Spiels werden die Figuren und Konflikte aus einem Stück, das schon vor mehreren Generationen geschrieben wurde, auf den/die Spieler*in und seine/ihre gegenwärtige Situation übertragen. Der/die Spieler*in bringt bei dieser Spielweise viel von der eigenen Persönlichkeit ein. Beim Maskenspiel ist es gerade das Fremde, das den Rhythmus und Spielfluss für die Szene vorgibt. Der/die Spieler*in wird direkt und schnell in ein neues körperliches Bewegungsmuster geführt. Ziel des Workshops ist es, Spielleiter*innen mit verschiedenen Ästhetiken des Darstellenden Spiels bekannt zu machen und ihnen Möglichkeiten vorzustellen, diese Inszenierungsarten in eine Theaterprobe zu integrieren.